warum koloniale Kontinuitäten uns auch in Dortmund heute noch betreffen
Ein Spaziergang durch Dortmund
Stell dir vor, du schlenderst durch Dortmund. Vielleicht von Körne Richtung Kaiserstraßenviertel. Dein Blick fällt auf ein Straßenschild: „Walderseestraße“. Klingt unspektakulär. Aber Moment: Wer oder was war eigentlich dieser Waldersee? Ein Fluss? Ein Politiker? Nope – ein General aus der Kolonialzeit.
Und hier wird’s spannend: Viele Straßen in Deutschland sind nach Männern benannt, die Kolonialgeschichte geschrieben haben – und zwar keine gute.
Alfred von Waldersee war Anfang der 1900er Jahre Oberbefehlshaber (das heißt oberster Entscheider) der europäischen Armeen in China. Bekannt wurde er für brutale Strafexpeditionen, bei denen nach den Kämpfen noch hunderte Zivilist*innen getötet wurden. Also eher kein Typ, dem man heute noch eine Straße widmen sollte, oder?
Waldersee ist nur eins von vielen Beispielen. Überall in Deutschland findest du Spuren vom Kolonialismus – auch in Dortmund.
Kolonialismus: Was war das eigentlich?
Kolonialismus bedeutet: Eroberung und Ausbeutung.
Ab dem 15. Jahrhundert haben Länder wie England, Frankreich und später auch Deutschland große Teile Afrikas, Asiens und Amerikas besetzt. Sie haben dort willkürlich Grenzen gezogen, Rohstoffe geplündert und Menschen versklavt.
Sie haben ganze Gesellschaften so umgebaut, dass Europa reich wurde – auf Kosten der anderen.
Deutschland stieg offiziell ab den 1880ern mit eigenen Kolonien ein: u. a. in Togo, Kamerun, „Deutsch-Ostafrika“ (heute Tansania, Ruanda, Burundi) und in Teilen des Pazifiks. Und Dortmund galt schon davor als Hochburg der deutschen Kolonialbewegung. Daran erinnert die lokale Initiative Dortmund postkolonial.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland die Kolonien zwar abgeben, aber die Spuren sind geblieben.
Postkolonialität – was steckt drin?
- „Post“ heißt auf Lateinisch “nach”.
- „Kolonialität“ meint alles, was mit Kolonialismus zu tun hat.
Heißt: Wir leben zwar offiziell nach der Kolonialzeit – aber eben nicht ohne ihre Folgen. Oder wie der Politikwissenschaftler Serge Palasie bei well:fair schreibt:
„Kolonialismus ist keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern wirkt in Form von Kontinuitäten bis heute fort.“
Sprich: Viele Denkmuster, Machtverhältnisse und Ungleichheiten aus der Kolonialzeit sind geblieben – und wirken weltweit aber auch vor Ort.
Sie bestimmen, wie wir über andere Länder denken, wie unser Handel funktioniert und sogar, welche Geschichten in Schulbüchern erzählt werden.
Schule, Bücher & fehlende Perspektiven
In vielen deutschen Schulbüchern wird Kolonialismus – wenn er überhaupt auftaucht – eher wie ein Strategiespiel erklärt: Wer bekam welches Land? Welche Grenzen wurden gezogen? Welche Eisenbahn oder Verwaltungsstruktur wurde eingeführt?
Im Mittelpunkt steht der sogenannte “Wettlauf um Afrika” und die Idee, dass Europa Fortschritt bringt.
Was fast immer fehlt: die Perspektiven der kolonisierten Menschen. Gewalt, Rassismus, Widerstand – alles nur Randnotizen. So entsteht der Eindruck Kolonialismus sei eine “politische Strategie” gewesen – und nicht ein System von Unterdrückung und Ausbeutung, das Millionen Menschenleben und die Lebensweise ganzer Kulturen zerstörte.
Viele Länder, die kolonisiert wurden, sind heute wirtschaftlich benachteiligt. Sie liefern Rohstoffe, während reiche Länder sie weiterverarbeiten und abkassieren.
Kolonialismus wirkt auch in Rassismus und Stereotypen oder Vorurteilen weiter.
Das sehen wir auch hier in Dortmund – zum Beispiel wenn Schwarze Menschen öfter von der Polizei kontrolliert werden oder wenn in den Medien fast nur europäische Perspektiven vorkommen und andere Geschichten fehlen.
Du siehst: Noch heute prägen koloniale Erzählungen unsere Welt – oft unbewusst.
Was das für uns bedeutet
Du denkst vielleicht: „Okay, Geschichte. Ist alt, hat mit mir nix zu tun.“ Doch, hat’s!
- Straßen & Denkmäler: Wenn wir an Namen wie „Walderseestraße“ vorbeilaufen, erinnern sie (unbewusst) an eine Zeit der Unterdrückung – und feiert sie.
- Bilder im Kopf: Filme oder Werbung zeigen Afrika und Asien oft noch durch die „europäische Brille“: exotisch, arm, hilfsbedürftig.
- Konsum: Fast Fashion, billige Elektronik, Kaffee – vieles wird unter Bedingungen produziert, die koloniale Muster fortsetzen.
Vieles, was wir heute als normal ansehen, hat Wurzeln in Ausbeutung und Ungleichheit. Heißt: Kolonialismus wirkt bis heute in globaler Ungleichheit, Rassismus und in unserem Konsum.
Das zu verstehen, ist der erste Schritt. Der zweite ist: handeln.
- HINSCHAUEN. Frag dich bei Straßennamen oder Denkmälern: Wer wird hier eigentlich gefeiert?
- HINTERFRAGEN. Achte auf Wörter oder Bilder, die alte Klischees wiederholen – vielleicht auch solche, die du selber nutzt.
- ZUHÖREN. Hör Geschichten von Menschen mit anderen Erfahrungen – und nimm sie ernst.
- HALTUNG ZEIGEN. Postkolonialität betrifft uns alle – aber unterschiedlich. Diskutier mit, online oder offline, und unterstütze Menschen, die gegen die Folgen von Kolonialismus kämpfen.
Postkolonial heißt handeln – und verändern
Postkolonialität bedeutet: Wir schauen hin, wir erinnern, wir erkennen Muster der Vergangenheit – in den Straßennamen, in globalen Ungleichheiten und im alltäglichen Umgang miteinander. Sie zu erkennen heißt, die Welt klarer zu sehen.
Aber sie zu zu erkennen reicht nicht. Denn mit der Klarheit kommt die Verantwortung, Veränderung anzustoßen.
Nicht irgendwann, sondern jetzt und nicht irgendwo, sondern hier – in Dortmund und weltweit, für eine gerechtere Zukunft für uns alle.
💭 Was denkst du?
- Wo erkennst du koloniales Denken im Alltag?
- Was fühlst du, wenn du diese Geschichten liest?
- Worüber würdest du gerne mehr erfahren, um koloniale Kontinuitäten besser zu verstehen?
Diskutiere mit uns über Postkolonialität, deine FRAGen und Erfahrungen auf Insta: @buddy4change
👉 Oder melde dich direkt zu unserer Seminarreihe „Kolonialismus – altes Denken, neue Zeit“ auf buddy4change.com an.
Zentrale Begriffe – kurz erklärt
Wenn ein Land ein anderes besetzt und ausbeutet.
Oder auch: Die direkte politische und wirtschaftliche Herrschaft eines Landes über ein anderes.
Die Zeit nach dem Kolonialismus – aber mit alten Mustern, die weiterlaufen.
Wenn weiße Menschen und ihre Perspektiven als „normal“ gelten und andere Perspektiven an den Rand gedrängt werden.
Dinge, die aus der Kolonialzeit „weiterlaufen“, z. B. rassistische Vorurteile oder wirtschaftliche Abhängigkeiten und ungerechte Wirtschaftssysteme.
👉 Passend dazu unser Blogartikel „Mehr als ein Reisedokument: Was dein Pass über Macht, Freiheit und globale Ungleichheit verrät.„