Belebter Wochenmarkt in der Dortmunder Nordstadt mit Menschen verschiedener Herkunft – Sinnbild für kulturelle Vielfalt und offene Grenzen im Alltag.

Migration verstehen

Ob beim Reisen, bei Nachrichten über das Mittelmeer oder in Diskussionen über Flucht: Grenzen bestimmen unser Leben mehr, als wir denken. Doch was sind sie eigentlich? Und warum brauchen wir sie – oder vielleicht gerade nicht?

Was sind Grenzen eigentlich?

Grenzen trennen Länder voneinander. So weit, so klar. Aber in der Politikwissenschaft bedeutet eine Grenze mehr als nur ein Strich auf der Karte. Grenzen regeln, wer dazugehört und wer draußen bleibt. Sie legen fest, wo Gesetze gelten, welche Steuern erhoben werden oder welche Sprache offiziell gesprochen wird.

Doch diese Vorstellung von „Staaten mit festen Grenzen“ ist relativ jung. Vor der Idee des sogenannten Nationalstaats war Europa in Königreiche, Fürstentümer und Reiche aufgeteilt. Grenzen waren fließend, sie verschoben sich mit Kriegen, Heirat oder Bündnissen. Die Zugehörigkeit der Menschen war oft an einen Herrscher gebunden, nicht an eine Nation.

Der Nationalstaat, das heißt die Vorstellung, dass eine Bevölkerung mit gemeinsamer Sprache, Kultur und Geschichte in einem fest umrissenen Gebiet lebt, setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch. Das heißt, vor gerade einmal 200 Jahren. Mit dieser Idee kamen auch neue Grenzen: politische, sprachliche und kulturelle.

Doch Grenzen sind keine Naturgesetze:

sagt auch Charlotte Wiedemann in ihrem Artikel “Der lange Abschied von der weißen Dominanz” auf dem Blog der well:fair foundation.  

Wie Grenzen auf dem afrikanischen Kontinent gezogen wurden

Wenn du dir eine Karte von Afrika anschaust, fällt dir vielleicht auf: Viele Grenzen verlaufen gerade. Fast so, als hätte jemand mit dem Lineal gearbeitet. Und genau so war es. Von November 1884 bis Februar 1885 trafen sich in Berlin Politiker aus ganz Europa. Sie waren eingeladen von Otto von Bismarck, dem damaligen deutschen Reichskanzler. 

Ihr Ziel: den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Damals saßen sie an langen Tischen, zeichneten Linien auf Karten und entschieden, wem welches Gebiet „gehört“. Ohne jemals dort gewesen zu sein. Ohne die Menschen vor Ort zu fragen.

Das Ergebnis: Länder, die es vorher so gar nicht gab. Grenzen, die mitten durch Städte, Flüsse oder ganze Gemeinschaften verliefen. Familien, Freunde und ganze Volksgruppen wurden getrennt. Einfach, weil eine neue Linie auf der Karte gezogen wurde.

Und was das bis heute bedeutet?

  • Menschen, die früher zusammenlebten, leben plötzlich in verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen neuen Sprachen, Gesetzen und Regierungen.
  • Konflikte entstehen, weil diese neuen Grenzen Gruppen gegeneinander gestellt haben. Plötzlich gibt es ein Gegeneinander, wo es vorher ein Miteinander gab.
  • Viele afrikanische Länder kämpfen bis heute mit den Folgen dieser Aufteilung, zum Beispiel mit ungleicher Verteilung von Ressourcen oder wirtschaftlicher Abhängigkeit von Europa.

Stell dir vor, jemand würde mitten durch Dortmund eine Grenze ziehen und plötzlich dürftest du nicht mehr in den Stadtteil deiner Freund*innen, weil „das jetzt ein anderes Land“ ist. Oder schlimmer noch: ein Teil Dortmunds jetzt zu Gelsenkirchen gehört. So ungefähr fühlte es sich für viele Menschen in den verschiedenen Ländern Afrikas an.

Serge Palasie sagt in seinem Blogartikel Überwindung von Kontinuitäten, dass diese kolonialen Strukturen 

Das zeigt: Die Linien auf der Landkarte sind mehr als Geschichte. Sie wirken bis heute in der Politik, in Wirtschaftssystemen und sogar darin, wie Menschen weltweit behandelt werden. 

Solche Erzählungen prägen unser Denken bis heute: Afrika als „hilfsbedürftig“, Europa als „zivilisiert“. 

Dabei gab es in Afrika natürlich schon lange vor der Kolonialisierung organisierte Reiche, funktionierende Handelsnetze und vielfältige kulturelle Traditionen. Königreiche wie Mali, Äthiopien oder Benin betrieben Handel mit Gold, Salz und Stoffen, entwickelten eigene Verwaltungssysteme, Bildungseinrichtungen und Handwerkskünste. Städte wie Timbuktu waren bereits im 14. Jahrhundert bekannte Zentren für Wissen und Austausch.

Diese Geschichte wird in Europa oft kaum erwähnt, obwohl sie zeigt, dass der afrikanische Kontinent schon lange vor der europäischen Eroberung komplexe Gesellschaften und eigene Formen von Staatlichkeit hervorgebracht hat.

Grenzen sind nicht einfach Vergangenheit. Sie sind hochaktuell. Während Menschen mit deutschem Pass fast überall hinreisen können, müssen andere für jedes Land ein Visum beantragen. Wer an der EU-Außengrenze festsitzt oder über das Mittelmeer fliehen muss, erlebt, wie hart diese Linien in der Realität sein können. Mehr dazu kannst du auch in unserem Blogartikel “Mehr als ein Reisedokument” lesen. 

Diese Ungleichheit ist kein Zufall. Sie hängt eng mit der Geschichte kolonialer Machtverhältnisse zusammen. Denn die Länder, die einst Grenzen in Afrika gezogen haben, bestimmen heute, wer sich frei bewegen darf – und wer nicht.

Das zeigt: Grenzen schützen nicht alle gleich. Manchmal trennen sie, manchmal schließen sie aus, manchmal halten sie Menschen fest.

Grenzen in unseren Köpfen

Aber Grenzen gibt es nicht nur auf Landkarten. Es gibt auch die Grenzen in unseren Köpfen, die unbewussten Linien, die wir ziehen, wenn wir Menschen in Schubladen stecken. Wenn wir denken: „Das ist typisch türkisch.“ Oder: „Die kommen eh nicht pünktlich.“ Oder: „Die spricht aber gut Deutsch!“

Diese inneren Grenzen prägen auch, wie wir über Migration sprechen:

Wer „Flüchtlinge“ sagt, meint oft Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten, selten Europäer:innen. Dabei haben Menschen zu allen Zeiten ihre Heimat verlassen, auch Deutsche, die schon im 17. Jahrhundert nach Amerika auswanderten. Und ganz aktuell: Digitale Nomaden, die mit ihrem MacBook bewaffnet auf Bali den nächsten Coaching Kurs entwickeln. Diese Menschen nennen wir nicht “Migranten” sondern “Expats” – weil sie weiß sind. Würde eine Frau aus Ghana, dasselbe in Deutschland versuchen, nennen wir sie “Wirtschaftsflüchtling”. Solche Gedanken zeigen, wie tief alte Machtverhältnisse in unserem Denken stecken.

Das sind Grenzen, die uns davon abhalten, Menschen wirklich kennenzulernen. Grenzen, die in alten Bildern, Schulbüchern und Nachrichtenmeldungen weiterleben. Grenzen, die wir oft gar nicht bemerken, aber täglich reproduzieren.

Und genau darum geht es, wenn wir über Postkolonialität und Migration sprechen: Darum, die Geschichte nicht einfach hinter uns zu lassen, sondern zu verstehen, wie sie in uns weiterwirkt.

Grenzen verstehen, um sie zu überwinden

Grenzen sind menschengemacht. Das gilt für Landkarten genauso wie für Gedanken. Sie können Sicherheit geben, aber auch Ungleichheit schaffen. Sie können verbinden oder trennen. 

Wenn wir begreifen, wie sie entstanden sind und wer sie gezogen hat, können wir anfangen, sie zu hinterfragen. Und sie so langsam aber sicher überwinden.

Denk mit uns weiter:

Was bedeutet es für dich, Grenzen zu überwinden?

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