Dekolonisierung heute: Wem gehört eigentlich Geschichte?
500.000 bis 1,2 Millionen Menschen im Jahr strömen in das Neue Museum in Berlin. Grund dafür ist auch die Nofretete. Diese stammt ursprünglich aus Ägypten und gelangte Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland. Nach damaligem Recht galt dieser Erwerb als legitim. Doch gilt dieses Recht auch heute noch? Wer hat Anspruch auf solche Kulturschätze? Diese Fragen stehen im Zentrum aktueller Debatten um Dekolonisierung und koloniales Erbe. Sie zeigen, dass die koloniale Herrschaft nicht einfach mit dem Ende formaler Kolonien abgeschlossen war. Vielmehr führen sie zurück zu einem historischen Prozess: der Dekolonisation.
Was bedeutet Dekolonisation?
Der Begriff Dekolonisation beschreibt im historischen Sinne die Befreiung von Kolonien aus der Herrschaft europäischer Mächte. Dabei verliefen die Kämpfe um die Unabhängigkeit nicht in allen Fällen friedlich. Algerien und Kenia sind Beispiele, bei denen der politischen Autonomie jahrelang blutige Auseinandersetzungen zwischen Kolonialmacht und antikolonialen Gruppierungen vorausgingen (vgl. BPB).
In anderen Fällen verlief der Rückzug der Kolonialmächte zwar friedlicher, dennoch ist die Dekolonisierung bis heute kein abgeschlossener Prozess.
Darum bedeutet Dekolonisierung heute vor allem, Postkolonialität sichtbar zu machen und zu hinterfragen. Das kann zum Beispiel dadurch gelingen, dass wir
- Machtstrukturen hinterfragen: Wo wirken koloniale Denkmuster in unserer Politik, Wirtschaft sowie Sprache und Kultur bis heute fort?
- Perspektiven wechseln: Den Stimmen und der Geschichte von Menschen aus dem Globalen Süden den Raum geben, der ihnen zusteht.
- Gerechtigkeit schaffen: Ungerechtigkeiten der Vergangenheit anerkennen und Formen der Wiedergutmachung diskutieren.
Das koloniale Erbe Deutschlands
Heute spricht man im Zusammenhang mit Dekolonisierung oft von kolonialem Erbe oder auch von kolonialem Vermächtnis. Es beschreibt alle materiellen und immateriellen Spuren, Strukturen und Denkmuster, die aus der Zeit der kolonialen Fremdherrschaft stammen und bis heute in den ehemaligen Kolonien sowie Kolonialmächten fortwirken.
In Deutschland steht neben der Aufarbeitung von Kolonialverbrechen, dem Umgang mit Straßennamen und Denkmälern vor allem auch die Rückgabe von Raubkunst aus der Kolonialzeit im Mittelpunkt.
Im Koalitionsvertrag 2018 rückte die Aufarbeitung der Kolonialzeit erstmals in den Fokus der Kulturpolitik. Das koloniale Erbe wurde damit als Teil der deutschen Geschichte anerkannt. Die Koalition vereinbarte, die Erforschung der Herkunft von Kulturgütern aus kolonialem Erbe in Museen und Sammlungen gezielt und mit einem eigenen Schwerpunkt zu fördern (vgl. Bundestag 2018).
Heute werden die Herkunftsgesellschaften inzwischen stärker aktiv als Partner*innen in die Forschung mit einbezogen. Dies führte bereits zu zahlreichen Rückgaben von Objekten und Gebeinen.
Das koloniale Erbe in unseren Museen
Besonders sichtbar wird das koloniale Erbe dort, wo wir Kultur feiern: in unseren Museen. Viele Sammlungen in Europa enthalten Exponate, die während der Kolonialzeit unter Gewalt, Zwang oder ungleichen Machtverhältnissen nach Europa gelangten. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, wer die rechtmäßigen Eigentümer*innen sind. Es geht auch um die schmerzhafte Frage, welche Geschichten, Verluste und Traumata mit den Schätzen in Verbindung stehen.
Die Diskussion um die Büste der Nofretete
Ein bekanntes Beispiel ist die weltberühmte Nofretete. Der Diskurs um die Rückgabe der Büste an Ägypten gehört zu den bekanntesten und am längsten geführten Restitutionsdebatten weltweit. Nofretete wurde mit anderen Schätzen 1912 von einem deutschen Ausgrabungsteam unter der Leitung des Archäologen Ludwig Borchardt gefunden. Nach damaligem Recht wurde der Fund zwischen Ägypten und dem deutschen Ausgrabungsteam aufgeteilt. Ägypten stand damals unter britischer Kolonialherrschaft.
Heute ist die Nofretete Teil der Sammlung des Ägyptischen Museums in Berlin. Immer wieder fordern internationale Archäolog*innen, Kulturvertreter*innen und Politiker*innen die Rückgabe der Büste an Ägypten. Auch der ehemalige ägyptische Außenminister Zahi Hawass initiierte mehrfach öffentlich die Rückgabe. Eine von ihm unterstützte Petition wurde von über 12.000 Menschen unterschrieben (vgl. change.org). Historiker*innen argumentieren zudem, dass die damaligen kolonialen Machtverhältnisse bei der Bewertung des Fundes nicht ausgeblendet werden dürfen. Das Berliner Museum hingegen beruft sich dennoch auf damals geltendes Recht (vgl. WDR).
Die Benin-Bronzen: Ein Symbol der Rückgabe?
Ein anderes Beispiel für die Restitution, also die Rückgabe von Kunstwerken an die Herkunftsländer, sind die Benin-Bronzen. Diese Bronzen sind weltberühmte, kunstvolle Metalltafeln und Skulpturen aus dem historischen Königreich Benin, dem heutigen Nigeria. Britische Truppen raubten sie Ende des 19. Jahrhunderts bei einer blutigen Militärexpedition.
Jahrzehntelang hingen sie in europäischen Museen. Heute erleben wir hier einen historischen Wandel: Deutschland hat begonnen, diese Kunstschätze offiziell an Nigeria zurückzugeben. Doch auch hier ist die Rückgabe komplex, denn einige Bronzen sind verloren gegangen oder befinden sich in unterschiedlichen Museen, Sammlungen oder Privatbesitz.
Zudem gibt es eine tiefgreifende moralische Debatte, die die Rückgabe in ein völlig neues Licht rückt. So fordert die New Yorker NGO Restitution Study Group, die Rückgabe weiterer Bronzen aus dem Londoner Museum zu stoppen.
Grund dafür ist eine moralisch umstrittene Frage zur Herkunft des Materials. Denn ein Teil des verwendeten Metalls in den Bronzen geht auf sogenannte Manillas zurück, also Metallarmreifen, die im transatlantischen Handel und auch im Sklavenhandel als Zahlungsmittel dienten. Kritiker*innen sprechen hierbei teils von sogenanntem “Blutmetall” (vgl. RSG).
Die NGO, die die Nachfahren dieser versklavten Menschen vertritt, argumentiert: Diese Bronzen sind die Frucht der Arbeit ihrer eigenen Vorfahren und ihre einzige verbliebene Verbindung zu ihrer geraubten Geschichte und Kultur. Sie fordern daher, dass die Kunstwerke nicht an die Herrscherhäuser in Nigeria zurückgegeben werden, sondern an den Orten verbleiben, an denen die Nachfahren der Opfer heute aufgrund der Verschleppung leben (vgl. RSG).
Fazit: Wem gehört Geschichte?
Die Eingangsfrage „Wem gehört Geschichte?“ ist somit nicht einfach zu beantworten. Geschichte ist kein exklusiver Besitz, den man einfach im Museum ausstellt, sondern ein fortlaufender Dialog, der auf Augenhöhe, mit historischer Gerechtigkeit und unter Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven geführt werden muss.
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Die Debatten um Nofretete, Benin-Bronzen und Restitution zeigen: Koloniales Erbe ist kein abgeschlossenes Kapitel. Wusstest du bereits von den Restitutions-Bemühungen und den Debatten darum? Was denkst du darüber? Willst du tiefer einsteigen?
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